The Script „Freedom Child“

The_Script_Album_Cover_2017The Script – „Rain“https://www.youtube.com/watch?v=-iA-MHxa8C8&feature=youtu.be

Nach neun Jahren, vier Alben und 29 Millionen verkauften Tonträgern fassten The Script einen Entschluss: beim neues Album sollte einiges anders werden als bei den vorangegangenen. Das irische Trio war sich einig, dass es höchste Zeit für Veränderungen war, und sie waren unumgänglich.

Die Band war ein Opfer der klassischen Kreativ-Tretmühle geworden: Album, Hitsingles, Tour… Album, Hitsingles, Tour… Ein Prinzip, das bislang hervorragend funktioniert hatte. Songs wie „For The First Time”, „Hall Of Fame”, „Breakeven“ und „Superheroes“ hatten ihnen weltweilte Charterfolge beschert. Drei ihrer Alben kletterten bis auf Platz eins der britischen Charts und ihre Videos verzeichnen mehr als eine Milliarde Plays bei YouTube. In der Summe ergeben diese Eckdaten ein mehr als seltenes Phänomen: The Script sind Superstars der Streaming-Ära, deren Songs sich in einer großen Bandbreite von Playlists wiederfinden, sie sind aber auch selbstproduzierende Singer-Songwriter, klassische Albumkünstler, Geschlechts- und Generations-übergreifende Publikums-magneten, die mit ihren mitreißenden Live-Shows die größten Stadien zu füllen im Stande sind.

Das letzte Album „No Sound Without Silence” (2014) hatten Danny O’Donoghue (Gesang, Klavier), Mark Sheehan (Gesang, Gitarre) und Glen Power (Schlagzeug, Gesang) noch in Windeseile aufgenommen: das Songwriting und die Aufnahmen fanden z.T. in einem mobilen Studio statt, das im hinteren Bereich eines Nightliners installiert worden war, während die Band kreuz und quer durch Amerika tourte. Der Longplayer entstand nahezu komplett in der „Script-Welt“ und war das unmittelbare Ergebnis jenen Momentums, das O’Donoghue mit „die nervöse Energie, wenn man gerade von der Bühne kommt“ umschreibt.

Das fünfte Album ist nun aber das Resultat der ganz realen Welt da draußen und wartet mit einer Reihe neuer Songs auf, die zugleich eindringlich und zukunftsfähig sind und von alltäglichen Ereignissen des Lebens berichten. Klang-Abenteuer in Echtzeit. „Freedom Child“ zeigt eine Band, die aufsteht und nicht einknickt. Der Titel steht für die „neue Welt, in der wir leben“ und die Songs offenbaren einen beherzten Umgang mit den modernen Produktionsweisen des Pop.

„Man geht ängstlich zu Festivals, man geht ängstlich zu Gigs”, gibt Sheehan zu. „Die Ereignisse der letzten Zeit hatten einen großen Effekt auf uns alle. Aber wie sagt man etwas als Künstler, ohne es den Menschen in den Rachen zu stopfen und trotzdem sicher zu stellen, dass die Botschaft ankommt? Mein acht Jahre alter Sohn kam neulich zu mir und fragte mich: ‚Papa, was ist Terrorismus?‘ und das war der Ausgangspunkt des Songs ‚Freedom Child‘“. Der optimistische, treibende Titelsong ist also „eine Art Ratgeber für ein achtjähriges Kind.“

Hinsichtlich der Mission, eine ernsthafte Botschaft geschmeidig zu verpacken, wählten The Script den direktesten Weg. „Wir dachten uns: lasst uns einen Uptempo-Song machen. Wenn man dafür sorgt, dass die Leute sich bewegen und herumspringen, dann ist das manchmal die beste Methode.“

Doch bevor The Script den Schalter wieder auf „on” umlegten, legten sie erstmal eine Pause ein. Nachdem sie ihre Tour zum vorangegangenen Album mit einem Auftritt beim „Rock in Rio“ beendet hatten, beschloss das Trio, dass es an der Zeit wäre, die Album/Tour-Monotonie hinter sich zu lassen und „zum ersten Mal frei zu nehmen“, so Mark.

Einer der Gründe war schlichtweg Ermüdungserscheinungen. Ein anderer war der Eingriff an O’Donoghues Stimmbändern – zwei Operationen waren notwendig und der Sänger durfte zwei Monate keinen Ton von sich geben. Für den charismatischen (und durchaus mitteilungsfreudigen)

Script-Frontmann, der u.a. bei zwei Staffeln der BBC-TV-Show „The Voice“ geglänzt hatte, alles andere als eine leichte Aufgabe.

Anfang 2016 hatte war er schließlich wieder voll einsatzfähig und die Band begab sich auf eine „große musikalische Reise“ (so Sheehan). Den Großteil des Jahres pendelten die Musiker zwischen Studios in London und Los Angeles hin- und her, produzierten einmal mehr selbst, holten sich allerdings eine ganze Reihe Fachleute hinzu. „Das war genau das, was wir selbst gemacht haben, als wir noch nicht The Script waren – wir waren wie ‚Studioratten‘ die nur dort herumhingen“, erinnert sich O’Donoghue an jene Zeiten, als er sich zusammen mit Sheehan als R&B-Produzent bzw. –Songwriter in den USA verdingt hatte.

Die selbstauferlegte Challenge lautete: wie kann man The Script rebooten? Und wie soll die Band auf eine Welt reagieren, die sich so rasant verändert? „Wir hatten nie zuvor den Luxus, Zeit zu haben“, erinnert sich O’Donoghue. „Wir kamen von unseren Konzertreisen zurück, schrieben zwölf Songs, das war dann das Album, das veröffentlicht wurde. Diesmal mussten wir uns nicht beeilen, sondern konnten uns Songs ein zweites oder drittes Mal wieder vorzunehmen, anstatt sie aus Zeitmangel sofort in die Tonne zu kloppen. Das war ein Segen.“

In London entstand der erste Grundpfeiler: „Rock The World”. „Wenn morgen alles zu Ende wäre, dann könntest du uns nicht die Tatsache nehmen, dass wir alle in Dublin geboren wurden – und nichts besaßen“, beginnt Sheehan die Text-Erläuterung. „Und wir haben viele großartige Dinge erreicht – wir haben auf einer Bühne im Croke Park vor 80.000 Menschen gespielt und wie man sich vorstellen kann, standen hinter uns einige sehr wichtige Menschen, unsere Frauen und Freundinnen und von der Bühne schauten wir auf all diese Menschen und können nun sagen: ‚Wir haben die Welt gerockt‘.“

Sie zogen nach Los Angeles, wo sie sich in Santa Monica ein kleines Studio einrichteten, eine richtige „Männerhöhle“. So verbrachten sie die Zeit vor und nach der Wahl des US-Präsidenten in den Vereinigten Staaten. „Erst kam das Brexit-Votum in Großbritannien und dann waren wir plötzlich mitten in dieser irren Atmosphäre in Amerika“, erinnert sich O’Donoghue. Man hatte das Gefühl, dass überall auf der Welt Verwerfungslinien aufbrachen

„Am Tag, als Trump gewann, sagte ich als Scherz: ‚Wir sollen besser schnell zum Studio zurückkehren, bevor es irgendwelche Ausschreitungen gibt‘. Und dann gab es welche! Es waren unglaublich viele Menschen auf den Straßen – die Unruhen wurden Wirklichkeit. Man hatte das Gefühl, das Land ist vollkommen gepalten.“ Das unmittelbare Ergebnis dieser Erfahrung war das R&B-beeinflusste „Divided States”, ein trotziger, angekotzt klingender Song, bei dem Sheehan ihren ganzen Ärger rauslässt.

„Arms Open“ ist ein weiteres Produkt ihrer LA-Sessions. Geschrieben wurde der Song von Nasri Atweh, dem Sänger der Reggae-Pop-Band Magic! („Rude“). Die Zusammenarbeit hatte mit einem Backstage-Smalltalkt beim Sommersonic-Festival in Japan begonnen. Das Ergebnis ist ein perfekter Liveset-Abschluss-Song, eine wahre Hymne, die den Menschen ein gutes Gefühl gibt, sie willkommen heißt und in den Arm nimmt. „Wir wollten ein Lied haben, das eine positive Stimmung verbreitet“, erklärt Sheehan. „Wenn alles den Bach hinunter geht, wirst du bei uns mit offenen Armen empfangen. Es ist eine simple, aber einfache Botschaft, verpackt in einen Song, wie er nur von uns stammen kann.“

Auch der Song „Wonders” ist ein Positivitäts-Boost, der in Zusammenarbeit mit dem aus München stammenden Toby Gad (Beyoncé, Fergie etc.) entstand, der auch an dem John Legend-Welthit „All Of Me“ mitschrieb. Der Song fordert dazu auf, jeden Moment auszukosten, die eigenen Träume zu verwirklichen und die „Bucket List“ des Lebens konsequent abzuarbeiten.

Die Themen Selbstbefreiung und Ermutigung bestimmen auch „No Man Is An Island”. Die Kollaboration mit Camille Pursell und Jimbo Barry (der seit einigen Jahren am Songwriting und Produktion der Script-Alben mit von der Partie ist) war der letzte Song, der für das Album geschrieben wurde. Camille ließ dabei ihre jamaikanische Herkunft in das Songwriting einfließen,

während der schwedische Produzent Occar Görres (Maroon 5, Ella Eyre, Tove Lo) seinen Teil zu Jimbos „fast schon EDM-artiger“ Produktion beitrug.

Und schließlich ist da noch „Rain”, die erste Single des Albums, die in den legendären Metropolis-Studios im Londonger Stadtteil Chiswick aufgenommen wurde. „Der Song zeigt, dass sich unser Sound weiterentwickelt hat“, sagt Sheehan, „aber es ist auch einfach nur ein verdammt toller Song!“

„Wir sind nicht die Art von Band, die den Menschen irgendetwas predigen will“, erklärt O’Donoghue. „Die Botschaften ziehen sich durch die meisten Songs, aber wir überfallen die Menschen nicht damit – es gibt auch leichtere Momente. Und ‚Rain‘ ist ein perfektes Beispiel dafür und die beste Einführung in ‚Freedom Child‘.“

Auch das Artwork des Albums soll hier nicht unerwähnt bleiben. Es zeigt einen jungen Menschen, der mit Neon-Flügeln auf dem Rücken in den verregneten Straßen einer Großstadt steht, die Songtitel zieren die Läden der Stadt. Das Motiv unterstreicht die Gefühlslage, die sich durch alle Songs zieht: Trotz, Eskapismus, Optimismus und Einigkeit. „Wir wollten ein Bild, das den Kids sagt: ‚Geht raus und seid frei. Kreiert etwas. Schreibt Gedichte, singt eure Songs, erzählt eure Geschichten, tanzt – macht all die Dinge, die der Terrorismus euch nicht tun lassen will. Seid verdammt noch mal ihr selbst.“

„Wir waren neulich bei einem Junggesellenabschied in London“, ergänzt Mark Sheehan. „Wir zogen unserem Kumpel ein Kleid an und zogen durch Soho. Keiner hat mit der Wimper gezuckt! DAS ist die Art von Gesellschaft, in der wir Leben wollen. Ich liebe diese Welt, in der man einfach sein kann, was man möchte.“

„Die Freiheit, sich auszudrücken wie man will, ist eines der wichtigsten Dinge im Leben“, bilanziert Danny O’Donoghue, „und das hat uns inspiriert. Der einzige Weg, Hass zu überwinden, ist die Liebe. Ja, ich bin ein Hippie!“, lacht der Sänger. „Musik ist die einzig wahre Religion – es ist ganz egal, wie du aussiehst, welcher Religion oder welchem Geschlecht du angehörst oder was auch immer.“

Amen. „Freedom Child“ kündet von Optimismus, von Standhaftigkeit und Zusammenhalt. Es ist ein Album, mit The Script ein perfekter Soundtrack für das Jetzt und Heute gelungen ist. Und auch für morgen

Über Ramona